Fahrzeuge/Sidecars

 Special built hacks for the Orient!  

Gespanne für den Orient


Welches Motorrad als Zugmaschine für das Projekt Transitus Arabiae verwendet werden soll, ist schnell entschieden. Die BMW R 1150 GS als Basis macht das Rennen. Beide Gespanne sollen wegen der Austauschbarkeit ein identisches Fahrwerk bekommen, 185/65×15 hinten und am Beiwagen, 17-Zoll-Motorradreifen vorn. Das reduziert die Mitnahme von Reservepneus. Hersteller Stern erhält den Auftrag für Gespann Nr. 1 mit Overland-Beiwagen, Zweirad Norton für Gespann Nr. 2 mit abgeändertem TR-500-Boot. Um die Motorräder kümmert sich Axel Funke von Zweirad Norton, denn als Stützpunkt von Touratech verbaut er jenes Zubehör des BMW-Spezialisten, das für die Reise sinnvoll erscheint.

Beide Motorräder werden mit einer Sintermetall-Kupplung ausgestattet. Sie erhalten auch die kürzere Endübersetzung der 850er BMW. Der ABS-Block wird ausgebaut. An dessen Platz findet sich nun eine zweite Batterie, deren Ladung mit einem automatischen Trennschalter geregelt wird.

Benzin kann man nie genug dabei haben. Deswegen werden beide Motorräder mit dem großen Touratech-Tank, außenliegender Benzinpumpe und zusätzlichem Benzinfilter ausgestattet. Und weil die Touratech-Diserto-Verkleidung einen besseren Windschutz als die Originalscheibe bietet und zudem für die Aufnahme des Navi-Halters vorbereitet ist, werden die Fahrzeuge auch damit ausgestattet.

Luftgekühlte Motoren werden im Stau oder auf Pisten, die man nur im Schritttempo befahren kann, so heiß, dass schon mal die Ölkontrolllampe leuchtet. Um das Überhitzungsrisiko zu minimieren, entwickelt Axel Funke ein Lüftersystem, das hinter den Ölkühler gebaut und per Hand zugeschaltet wird. Inwieweit diese zusätzlichen Lüfter tatsächlich die Motortemperatur senken können, werden wir hoffentlich während der Testfahrt nach Marokko erfahren.

Während Stern das erforderliche 17/15-Zoll-Fahrwerk baut, hat Axel Funke noch einige zündende Ideen. Rallye-Reifen aus dem Autocross-Sport sollen auf Pisten das Risiko minimieren, dass die Gummis von scharfen Steinen aufgeschlitzt werden. Das Motorrad und die Rallyereifen übergibt Funke an Müller-Gespanne, zusätzlich Straßenpneus auf Stahl- und Aluminiumfelgen. Letztere sind für den Normalbetrieb in Europa vorgesehen und sollen nur auf den geplanten Reisen nach Marokko und in den Oman gegen die Stahlfelgen ausgetauscht werden.

Bei Müller-Gespanne macht man einen tollen Job, montiert einen verstärkten Hilfsrahmen, ein Schräglenker-Langschwingenfahrwerk sowie eine Vorderradschwinge und passt alles so an, dass Rallye-Reifen, Aluminium- und Stahlfelgen montiert werden können.

Nachdem ein Motorrad an die Firma Stern übergeben wurde, stellen die Geiselhöringer ebenfalls einen beidseitigen Hilfsrahmen her, biegen die Schwinge für das 17-Zoll-Vorderrad und montieren die vorgegebenen Radgrößen auf Smart-Felgen. Bügel werden an den neu konzipierten Beiwagen Overland angepasst. Einen gebrauchten Recaro-Sitz lässt Jürgen Röder unterdessen bei der Firma Kahedo neu aufpolstern und beziehen.

Mittlerweile ist das TR-500-Boot, ehemals Boot 3 der Firma Carell, vertikal getrennt und verbreitert worden. Und auch von der Bodengruppe ist nicht mehr viel zu sehen. Für das Sauer-Fahrgestell muss der Unterbau komplett neu laminiert werden. Eine Sitzschale des Mobec-Zero-Beiwagens soll entsprechend in das Boot eingepasst werden.

Der Sitzkomfort für den Passagier erfordert viel Diskussion. Noch immer schenken die Gespannhersteller diesem Thema zu wenig Aufmerksamkeit. Kein Wunder, denn sie müssen ja nicht im Beiwagen mitfahren und unter einer eventuellen Fehlkonstruktion leiden. So erfordert es viel Überzeugungsarbeit, bis der Sitz im Gespann Nr. 2 nach unseren Vorstellungen aufgebaut wird. Auch der Kotflügel muss aus zwei Hälften komplett neu laminiert werden. Nach einer ersten Sitzprobe verkümmert die Kommunikation. Der Termin zur Vorstellung beider Gespanne auf dem Touratech-Travelevent Ende Mai drängt beide Firmen zu vielen Überstunden.

Wirklich praktisch ist der mit dem Kotflügel und dem Boot verschraubte Bügel.

 Umso mehr sind wir auf das Ergebnis gespannt. Die letzten Schrauben werden noch am ersten Tag der Veranstaltung montiert. Auch wenn so manches Detail noch fehlt, beide Gespanne sind fahrfertig, und was uns an diesem Tag wichtig ist: Sie sehen verdammt gut aus. Die mattgrau-gelbe Lackierung in den Dorsch-Farben, der Firma von Jürgen Röder und des Hauptsponsors der Reise, wirkt edel.

Warum wir uns für eine Lackierung in matten Farben entschieden, hat folgenden Hintergrund. In einer matten Oberfläche spiegelt sich die Umgebung nicht, was beim Fotografieren vorteilhaft ist. So werden störende Reflexionen auf Bild und Film weitgehend ausgeschlossen. Die Lackierungen führte die Firma Berreiter aus. Obwohl sich beide Gespanne hinsichtlich des Motivs doch deutlich unterschieden, so ist die Projektzugehörigkeit doch ohne Zweifel erkennbar.

Die klappbare Beiwagenscheibe am Gespann Nr. 2 ist aufwendig konstruiert, ebenso das Leerverdeck und die Seitenpolsterung. Der grüne Rasenteppich am Boden des Bootes passt jedoch farblich überhaupt nicht zum Gespann. Und die Frage, wie oft man ihn gießen muss, kann ich mittlerweile nicht mehr hören.

Eine wirklich tolle Lösung am Gespann Nr. 2 ist der Reserveradhalter. Die Stahlkonstruktion wird in den Beiwagenrahmen geschoben und festgeschraubt. Im Heck sind die Streben des Trägers so angebracht, dass bei Bedarf ein zusätzlicher Touratech-Koffer montiert werden kann. Das ist eine hervorragende Lösung, für die Axel Funke von mir den Projekt-Innovationspreis bekommen würde, sofern es ihn gäbe.

Der Unterbau des Beiwagensitzes ist als zusätzlicher Stauraum ausgebildet. Zudem befinden sich hier Steckdosen für Ladegeräte oder Zusatzverbraucher. Auch aufwendig gefertigt ist die Trennwand zwischen Kofferraum und Sitz. Damit kein Kubikzentimeter Volumen verloren geht, hat die Trennwand die Form des Beiwagensitzes. Und siehe da, in solch einen TR-Nachbau passt jetzt auch richtig viel Gepäck. Einziger Wermutstropfen an diesem Beiwagen: Der Sitz ist im Oberschenkelbereich falsch gepolstert. Die Beine finden nicht den richtigen Halt. Das Polster müsste vorne etwas angehoben werden. Die Beinfreiheit ist für Personen bis 1,75 Metern Körpergröße ausreichend, ebenso die Bewegungsfreiheit im Innenraum des Bootes.

Ein wichtiger Punkt, der bis Redaktionsschluss bei beiden Gespannen noch nicht realisiert war: ein Zusatzscheinwerfer am Beiwagen. Er sollte ziemlich hoch montiert sein, um in der Nacht dem Gegenverkehr durch das Lichtsignal der zwei Scheinwerfer ein zweispuriges Fahrzeug anzukündigen. Das soll unsere Sicherheit bei einer eventuellen Nachtfahrt erhöhen, denn Motorräder mit Beiwagen gehören im Orient noch weniger zum alltäglichen Verkehrsbild als bei uns. Wir wollen unbedingt vermeiden, dass irgendjemand glaubt, zwischen einem Motorrad und einem Fahrrad mitten hindurch fahren zu können.

Am Gespann Nr. 2 hat Axel Funke die Gefahr durch die Montage von zwei LED-Leisten an der Front des Beiwagens minimiert. Das sieht in der Nacht richtig gut aus, so als käme ein pakistanischer Lastwagen entgegen. Es passt also zum Gespann. Hinzu kommt ein ständig leuchtendes Innenraumlicht. Es ist erst mit zunehmender Dunkelheit erkennbar. Durch die Reflektion des grünen Teppichs schimmert es bläulich aus dem Beiwagenboot. Der Stromverbrauch der LEDs ist derart gering, dass auch im Kofferraum solch eine Dauerbeleuchtung eingebaut ist. Jetzt vertrauen wir einmal Axel Funke und hoffen, dass Strommangel nie ein Grund dafür sein wird, dass die BMW nicht anspringt. Übrigens, wenn man sich mit der Bootinnenraumbeleuchtung nicht anfreunden kann, mit einem Streifen schwarzen Klebebands sind die LEDs schnell verdunkelt.

Der neue Overland-Beiwagen von Stern ist riesig. Er erfüllt die Forderung nach einem einfachen Ein-und Ausstieg wesentlich besser als der TR-Nachbau: aufstehen und durch die bis nach unten offene Öffnung aussteigen. Für schlechtes Wetter ist eine schnell montierbare Abdeckung aus Verdeckstoff vorgesehen. Der überarbeitete Recaro-Sitz ist auf einem Metallgestell montiert, das zudem in der Höhe verstellbar ist. Der Lehnenwinkel kann auch verstellt werden, weil die Laufschienen des Sitzes auf dem Montagegestell befestigt sind. Der Kofferraum ist so groß, dass man schon Angst haben muss, dass sich unbemerkt Grenzflüchtlinge verstecken. Andererseits wird das Gepäckvolumen von den Frauen sehr geschätzt, kann man doch nun ein paar Mitbringsel mehr einkaufen. Auch im Overland-Beiwagen sind Steckdosen für Ladegeräte und Zusatzverbraucher eingebaut. Front- und Heckbügel sowie der sogenannte Schiebebügel vom Kotflügel zum angedeuteten Bürzel sind Zubehör und können auch nach eigenen Vorstellungen ausgeführt werden.

Während der Testtage im Voralpenland stellen wir einhellig fest, dass das Bremssystem des Stern-Gespanns einen deutlich besser fühlbaren Druckpunkt hat, während das Müller/Funke-Gespann mit einem sehr langen Hebelweg und teigigem Druckpunkt weniger begeistert. Der Ursache werden wir noch nachgehen.

Während das Stern-Gespann dank des Motorrad-Vorderreifens unbeirrt seine Bahn zieht, ist das andere Fahrzeug ausgesprochen nervös und spurrillenempfindlich. Interessant ist, dass Petra Röder von der leichten Lenkung begeistert ist, jedoch die Spurrillenempfindlichkeit bemängelt. Jürgen Röder kommt mit diesem Gespann überhaupt nicht zurecht und schätzt dafür die Zielgenauigkeit und spürbar härtere Lenkung an seinem Stern-Gespann.

Die gravierenden Unterschiede sind in den Fahrwerksphilosophien zu suchen, die die beiden Gespannhersteller verfolgen. Wir von der Redaktion würden genau die goldene Mitte schätzen. Leichte Lenkung und einwandfreie Geradeauslaufeigenschaften als Kompromiss von beiden Fahrwerken.

Jetzt stellt sich heraus, dass in der Euphorie der Umbaumaßnahmen die ursprüngliche Forderung nach uneingeschränkter Austauschbarkeit der Räder an beiden Gespannen nicht mehr gegeben ist. Denn die Querschnitte mit Stahlfelgen 165/60×15 vorn und am Beiwagen sowie 175/70×15 hinten harmonieren nicht so richtig mit den 185/65ern am Stern-Gespann. Die vorgesehenen Rallyereifen, ebenfalls zwei verschiedene Größen, setzen das Fahrwerk nur dann wieder gerade, wenn man alle drei Räder austauscht. Wir haben aber an beiden Gespannen nur Platz für ein Reserverad mit Autobereifung. Welche Reifengröße nehmen wir also mit? 165/60, 175/70, 185/65 oder gar einen Rallyereifen?

Ein Kompromiss ist der für den Beiwagen vorgesehene Rallye-Reifen. Als Notreifen ist er kompatibel. Zudem wollen wir einige Tests in Marokko fahren.

Bei den Testfahrten stellt sich heraus, dass beide Beiwagenfrontscheiben nicht für den Passagierkomfort optimiert wurden, vereinfacht ausgedrückt. In beiden Booten zieht es wie Hechtsuppe. Daraufhin leihen wir uns aus der Küche unseres Gastwirtes die Schnüre für Rollbraten und Rouladen aus und bestücken die Gespanne mit Fäden. Gleichzeitig fertigen wir aus dickem Karton verschiedene Scheiben. Auf der Autobahn testen wir dann die Windverhältnisse bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und die Änderungen mit den vorgefertigten Kartonscheiben. Für Gespann Nr. 1 biegt die Firma Kahedo später eine neue Scheibe, bei Gespann Nr. 2 muss nur der Anstellwinkel verändert werden.

Bei der Überprüfung der Beiwagenboote auf Schäden und Risse müssen wir feststellen, dass beim Funke/Müller-Gespann der Kotflügel zu nah am Beiwagenfederbein montiert ist und beim Einfedern schleift. Beim Stern-Gespann zeigt die Bodengruppe hauptsächlich im Bereich des Kofferraumes Spannungsrisse. Das erste Manko wird durch Ausrichten des Kotflügels behoben, der zweite Punkt ist kosten- und zeitintensiver. Die Bodengruppe wird in einem Polyesterfachbetrieb nach der Sandwichbauweise durchgehend verstärkt.

Bei Kahedo lässt Jürgen Röder bei beiden Gespannen noch wertvolle Details realisieren. So sind jetzt bei beiden Fahrzeugen in der Kofferraumklappe funktionelle Taschen eingebaut für die Aufnahme von allerlei Utensilien wie Taschenlampe oder wichtigem Werkzeug. Außerdem erhält der Overland-Beiwagen eine Innenverkleidung.

In den Wochen bis zu unserer Abreise zur Testfahrt nach Marokko Ende September 2011 werden wir noch Film- und Fotokamera-Halterungen anbringen und testen und noch die eine oder andere Kleinigkeit optimieren. Nach der 10.000 Kilometer langen Reise werden wir exakte Aussagen über Reifenverschleiß, Benzinverbrauch und andere Kenndaten machen können. Auch das Fahrverhalten von der Autobahn bis hin zur Piste im Hohen Atlas lässt sich dann vergleichen.

Ich freue mich schon auf unsere Testfahrt nach Marokko
und bin natürlich auch auf das Testergebnis gespannt.

Obwohl die Zugmaschinen identisch sind, haben beide Gespanne unterschiedliche Charaktere. Interessant ist, wie Müller/Norton und Stern so manches geforderte Detail interpretieren. Der Overland ist ein großer und sehr bequemer Beiwagen für Überlandtouren. Der umgebaute TR beweist, dass man auch einer alten Form zu neuen Ehren verhelfen kann. An diesem Boot begeistern viele Details. Wir schon gespannt, welche neuen Erkenntnisse die Testfahrt nach Marokko bringt.

Anmerkungen: Einige der angesprochenen Punkte wurden mittlerweile geändert oder realisiert. Als Vorderradreifen bei Jürgens GS werden wir den Tourance von Metzeler aufziehen und testen. Alle aktuellen Meldungen finden Sie auch zeitnah in diesem Blog auf der Startseite.

What is the best bike to travel the Orient. Thinking about our plans, we decided to do it with three identical BMW R 1150 GS hacks. Sidecar-manufacturer Stern proposed, to develop a special sidecar for this trip – the Overland. Axel Funke is responsible for building the second rig and to complete all three bikes with Touratech-equipment.

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4 Antworten zu Fahrzeuge/Sidecars

  1. Richard aus den NL schreibt:

    Ich bin komplett vergessen es zu fragen am EGT, aber warum hat das eine Gespann eine Runde Motorradreifen und das andere eine Autoreifen am Vorderrad? Besonders weil gesagt ist mit `baugleiche` Gespanne zu fahren.
    .
    I completely forgot to ask at the European Sidecar Rally, but why has one outfit a round motorcycle tire and the other one a car tire in the front? Especially, because you´re saying you want to do the trip on `similar` outfits.

    Das dritte Gespann habe Ich nicht gesehen. Mein Fehler?
    Didn´t see the third outfit. Did I miss something?

    Gespanne sehen gut aus!
    Outfits look really good!

  2. winterbiker schreibt:

    Hallo Richard,
    das dritte Gespann ist noch nicht fertig. Das Konzept besagte gleiche Reifen und Reifengrößen. Das Ergebnis ist die Interpretation des beiden Gespannhersteller von dieser Vorgabe.

    The third hack isn´t finished yet. And the different wheel sizes is the interpretation of the sidecar manufacturers! That´s life!

    How did you came home on Sunday!

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